Jìn 勁 ist ein Fachbegriff aus den chinesischen Kampfkünsten und kann in erster Annäherung mit elastischer Kraft übersetzt werden, manche bezeichnen sie auch als intrinsische Kraft. Diese elastische Kraft Jin wird in erster Linie durch eine Reduktion der Muskelspannung zu Gunsten einer durchgehenden Verbindung im Körper erreicht.

Besonderes Augenmerk erfährt der Begriff Jin in den sogenannten inneren Kampfkünsten Chinas (Nèi Jiā), zu denen neben Taiji Quan auch Bagua Zhang, Xingyi Quan, Liuhe Bafa und Yi Quan zählen. Aber auch in den äußeren Stilen (Wài Jiā), zu denen die meisten anderen chinesischen Kampfkunststile (wie Shaolin Quan, Bai He Quan, Hung Gar Quan, etc.) gerechnet werden, wird mit diesem Begriff gearbeitet. Die Kampfkunst Stile haben jeweils eigene Definitionen und unterschiedliche Trainingsmethoden um Jin zu entwickeln, dafür braucht es in der Regel eine persönliche Anleitung und ein Menge Geduld und Ausdauer.

Das Schriftzeichen für Jìn 勁 wird mit Stärke, Kraft oder Energie übersetzt und ist zusammengesetzt aus den Zeichen Jing 巠 (fließendes Wasser, unterirdische Wasserlauf) und dem Zeichen Li 力 (Kraft). Anzumerken ist, dass sich in älteren Publikationen für Jìn 勁 die Umschriftformen Chin bzw. Jing finden, was immer wieder zur Verwechselung mit dem Begriff Jīng 精 (Essenz) führte.

Eine beschreibende Definition lautet demnach:
„Jin ist die Fertigkeit Kräfte mit minimaler Muskelspannung und maximaler Wirksamkeit übertragen zu können. Dies kann sowohl aufnehmend als auch abgebend geschehen.“

Wie Jin im Taiji Quan entsteht

In den Klassikern des Taiji Quan heißt es: “Jin wurzelt in den Füßen, wird durch die Beine geleitet, durch die Taille gelenkt und findet in den Fingern seinen Ausdruck.“ Bemerkenswert ist, dass in dieser Beschreibung der Bewegungsabfolge keine Rede von den Schultern ist. Das deutet darauf hin, dass für die Entwicklung von Jin die Schulter nicht aktiv angespannt wird, um Kraft zu übertragen, sondern sich der Gesamtbewegung unterordnet und daher weitestgehend passiv bleibt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Bewegung aus dem Zentrum (die Bewegung des Körpers als Einheit), sowie die Beweglichkeit und Feinsteuerung der Wirbelsäule.

Yi und Jin

Die Intention 意 wird eingesetzt um im Körper durchgehende Verbindungen zu entwickeln, welche für eine effiziente und entspannte Kraftübertragung notwendig sind. Eine weitere Funktion von Yi, ist es den Winkel unter dem unter dem Kraft durch Jin aufgenommen und abgegeben wird, zu verändern. So entstehen vom Zentrum ausgehend, kaum sichtbare Bewegungen, um die Richtung der Kraft sehr geschickt und mit minimalem Aufwand zu beeinflussen.
In den Klassikern des Taiji Quan heißt es: „Verwende Yi, nicht Li“ und dieser Ausspruch soll daran erinnern, nicht die grobe Kraft Li einzusetzen, sondern mit Hilfe der Intention Jin.

Qi und Jin

Qi in den Kampfkünsten wird als Mittel verstanden um Jin herzustellen. Mit Hilfe von speziellen Atemmethoden, wie der umgekehrten Bauchatmung, wird versucht den Körper als Einheit zusammen zu ziehen und zu entspannen um so durchgehende Verbindungen zu erreichen. Daher ist in den Anweisungen im Taiji Quan oft vom Öffnen und Schließen die Rede, dabei wird vereinfacht ausgedrückt, wechselweise die Vorderseite bzw. Rückseite des Körpers geöffnet (entspannt) oder geschlossen (zusammengezogen). Dies geschieht nur zum Teil durch Muskelspannung und vermehrt durch den Zug der elastischen Gewebe.
In Anweisungen von chinesischen Lehrenden werden Qi und Jin oft synonym verwendet, was das Verständnis dieser komplexen Thematik nicht gerade erleichtert.

Innerhalb dieser allgemeinen Definition von Jin fächert sich die Betrachtung in spezifische Arten von Jin auf. Einige wichtige Jin-Arten im Taiji Quan sind:

Péng Jìn (掤勁)

Das wichtigste Jin im Taiji Quan, zugleich eines der acht Grundtechniken, Peng Jin lässt sich gut in Partnerübungen wie dem Tui Shou schulen. Auch alle anderen Grundtechniken haben ihr eigenes Jin: Lü Jin, Ji Jin, An Jin, Cai Jin, Lie Jin, Zhou Jin und Kao Jin.

Fā Jìn (發勁): Schnelles oder explosives Jin

Bei der schnellen Jin Manifestation spricht man von Fā Jìn 發勁 (wurde früher auch als Fa Jing bezeichnet, s.o.). Fa bedeutet soviel wie Aussenden, Fa Jin ist demnach die plötzliche Entladung einer gespeicherten Kraft und wird manchmal auch als Fa Li bezeichnet.

Tīng Jìn (聽勁)

Die Fähigkeit, Körperstruktur und Bewegungstendenzen des Partners über Berührungskontakt wahrzunehmen. Ting bedeutet Hören, im übertragenen Sinn bedeutet es, den Regungen des Partners mit Hilfe des Tastsinnes zu „lauschen“ und sie wahrzunehmen.

Chán Sī Jìn (纏絲勁)

Diese Art des Jin ist vor allem im Chen Stil Taiji Quan verbreitet. Chan Si bedeutet so viel wie „Wickeln Seide“ und bezieht sich auf das Ab- bzw. Aufwickeln eines Seidenfadens.
Im Yang-Stil Taiji Quan liegt der Schwerpunkt nicht auf der Entwicklung von Chan Si Jin, es gibt aber auch hier Analogien, die das Bild des Seidenfadens verwenden. In den Klassikern des Yang Stil Taiji Quan wird z.B. folgender Vergleich gezogen, um die Qualität von Jin zu illustrieren: „Bewege Jin wie das Lösen der Seide (aus dem Kokon)“. Dabei wird vor allem auf die stete und ununterbrochene Bewegung hingewiesen. Da ein Seidenfaden sehr leicht reißt, soll Bewegung im Taiji Quan kontinuierlich und ohne Unterbrechung sein.

Jin ist eine äußert raffinierte und subtile Art Kraft zu generieren und zu übertragen. Es sind mir keine ähnlichen Bewegungskonzepte aus anderen Bewegungsarten bekannt. Daher verdient diese Methode besondere Beachtung und die Auseinandersetzung damit wird die eigene Entwicklung sehr positiv und nachhaltig beeinflussen.

 

An important Taiji Classic, Li Yiyu’s „Five­ Character Formula, says that “Jin is integrated. The Jin of the whole body is trained to become one family.“ The emphasis, then is not upon strength, but upon its integration, its adaptability, and its appropriate use in yielding and responding.

Fu Zhongwen: Mastering Yang Style Taijquan, translated by Louis Swaim
Taiji Quan Anwendung